Nachgedacht / Politik

Tönnies als Sündenbock für unsere Fleischeslust

Wegschauen klappte bisher gut, doch mit Corona geht das nicht mehr. Die Pandemie hat nun die Probleme in der und Massenschlachtung sichtbar gemacht, die eigentlich schon lange klar sind.

Der Skandal um den Fleischkonzern Tönnies hat das Schlaglicht wieder einmal auf die Umstände in der Fleischindustrie gelenkt. Über den mangelnden Infektionsschutz kamen weitere Probleme in den Fokus: Schlechte Arbeitsbedingungen und der Diskurs um Tierwohl. Die Gesellschaft blickte mit Entsetzen auf die Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Kopfschütteln über die Zustände steht man dann aber doch im Discounter und freut sich über das Sonderangebot des Schweinesteaks diese Woche.

Immer mehr Fleisch für immer günstigere Preise

Dass günstige Preise nur dann möglich sind, wenn die Verarbeitung noch günstiger ist, müsste den Meisten eigentlich seit Schulzeiten klar sein. Doch in keiner Branche ist Wegschauen so einfach gewesen wie in der Fleischindustrie. Die dreckige Arbeit erledigen ArbeiterInnen aus Osteuropa in fensterlosen Hallen, bis wir VerbraucherInnen das Endprodukt aus der Kühltruhe holen können. Tönnies ist jetzt der Sündenbock für uns Verbraucher. Wir, die immer mehr Fleisch für immer günstigere Preise verlangen.

Tierwohl, Arbeitsbedingungen und die Zustände in der Fleischindustrie hängen maßgeblich an einem Faktor, den wir momentan noch nicht sehen wollen. Sich zu entsetzen scheint der einfachere Weg zu sein. Im Supermarkt zum teureren Bio Fleisch zu greifen der schwere. Momentan ist sich noch nicht jeder bewusst, wie viel dieser Skandal um Tönnies wirklich mit dem eigenen Verhalten zu tun hat. Die Schuld dafür einem großen Konzern zuzuschreiben ist doch um Einiges einfacher.

Doch die gesellschaftliche Aufmerksamkeit kann gerade jetzt als Hebel dienen, um etwas zu verändern. Die Macht haben wir Verbraucher und unsere Entscheidungen beeinflussen die Fleischindustrie. Um diesen Zusammenhang zu sehen, hat es wohl eine Pandemie wie Corona gebraucht. Aber so unangenehm wie das Hinsehen auch sein mag: Dadurch bekommen wir die Chance, gemeinsam etwas zu verändern. Allerdings liegt es nun an uns allen, diese Chance für richtige Entscheidungen als bloßes Entsetzen zu nutzen.

2 Comments

  • Juri
    August 17, 2020 at 3:38 pm

    Servus,
    letzter Satz: “Allerdings liegt es nun an uns allen, diese Chance für richtige Entscheidungen als bloßes Entsetzen zu nutzen.”
    Ist das gemeint im Sinne von “[…] für richtige Entscheidungen ANSTATT von bloßem Entsetzen zu nutzen” ?

    Nicer Blogpost, ich glaube du hast Recht damit dass jetzt der Zeitpunkt ist auf die Realität in der Fleischproduktion aufmerksam zu machen.
    Oft ist ja nicht das Problem, dass Leute nicht ökologisches Fleisch (falls es sowas gibt) kaufen wollen, sondern dass sie einfach nicht dran denken. Im Supermarkt ist das noch recht einfach, weil man da beide Optionen, zum einen billig und zum anderen ökologisch, direkt nebeneinander hat und eine Entscheidung treffen muss. Wenn man aber ins Restaurant geht oder sich nen Döner holt, dann hat man diese Wahl nicht und kommt (zumindest meistens) überhaupt nicht auf den Gedanken, dass das Fleisch ja eventuell auf nicht-ökologische Art und Weise hergestellt wurde.
    Wenn man mal in seinem Bekanntenkreis rumfragt wird man schnell feststellen, dass 90% sagen wie würden kein Billigfleisch kaufen. Das mag auch für den wöchentlichen Einkauf im Supermarkt stimmen. An das, was man in der Gastronomie konsumiert denkt kaum jemand.

    LG

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    • Jana
      August 17, 2020 at 4:47 pm

      Lieber Juri,
      Ja genau, das war mit dem letzten Satz gemeint 🙂
      Es fehlt im Allgemeinen einfach das Bewusstsein, weil es einem so leicht gemacht wird, es nicht zu haben. Andererseits merke ich als Vegetarierin oft, wie allein meine andere Ernährung andere dazu bringt, in eine Art Abwehrhaltung zu gehen. Da wird dann die eigene Ernährung glorifiziert, nach dem Motto „Ach ich esse ja auch ganz wenig Fleisch und wenn dann nur bio“. Natürlich das alles ohne, dass ich vorher irgendwas zum Thema Fleischkonsum gesagt habe. Deswegen glaube ich schon, dass sehr vielen sehr wohl bewusst ist, was hinter ihrem Fleischkonsum steckt. Ob es dann an Bequemlichkeit, Ignoranz oder was anderem liegt, dass das eigene Verhalten nicht geändert wird, weiß ich nicht.
      Das mit dem Konsum unterwegs stimmt wirklich total. Bevor ich bewusst auf Fleisch verzichtet habe, war ich selbst der Meinung, dass ich wenig und wenn dann nur „gutes“ Fleisch esse. Als ich dann Vegetarierin wurde, habe ich erst mal gemerkt, wie viel Fleisch ich eigentlich so „unbewusst“ konsumiere. Deswegen einfach immer wieder mal das eigene Verhalten hinterfragen, auch wenn man es so gewohnt ist. Danke für deinen Input!
      Liebe Grüße, Jana

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