Politik

Warum Feministin kein Unwort ist

Januar 18, 2018

Ich weiß nicht was in den Köpfen der Menschen vorgeht, wenn sie mich schräg von der Seite anschauen, etwa nach einem hitzigen Gespräch oder einer politischen Debatte. Ich kann genau sagen, wann sie sich dazu entschließen mich zu fragen, wenn sie fast kein Wort über ihre Lippen bekommen, als wären ihre Laute verboten. “Bist du… Feministin?” Im gleichen Moment würden sie es am Liebsten zurücknehmen, wenden sich ab, als hätten sie sich verbrannt. Und ich schüttle innerlich nur den Kopf, muss ein Augenrollen unterdrücken um nicht unhöflich zu wirken. Wenn dann mein selbstbewusstes “Ja” als Antwort erklingt, sieht mir selten jemand in die Augen, hackt selten jemand nach, macht sich selten jemand Gedanken. Die Sache ist ja klar. In ihren Köpfen bin ich lesbisch, frigide, hysterisch, eine Männerhasserin oder noch schlimmer, eine Gegnerin des Rasierens.

Ich spreche hier nicht von einer einzelnen Situation, sondern von mehreren Gesprächen, die nahezu immer nach diesem Schemata ablaufen. Die Frage, ob ich mich nicht schäme Feministin zu sein, war dabei keine Seltenheit. Es ist, als wäre der Begriff Feministin oder Feminismus der neue Voldemord des 21. Jahrhunderts, der dessen Namen nicht genannt werden darf. Das ist eine Entwicklung die gegenläufig ist, zu allen Errungenschaften und Fortschritten in Sachen Gleichstellung zwischen Mann und Frau. Feminismus ist keine eingestaubte Bewegung unter dessen Flagge nur hysterische Frauen mit einem Hass gegen Männer kämpfen, es ist eine Thematik welche aktueller denn je ist. Dass der Präsident der USA öffentlich Frauen auf niederträchtigste Art und Weise beleidigen darf und trotzdem noch sein Amt vertritt, ist ein Zeichen dafür. Dass ein Hashtag auf die sexuelle Ausnutzung einer Machtposition gegenüber von über 50 Frauen aufmerksam machen muss, ist ein Zeichen. Dass Deutschland zu den vier europäischen Ländern zählt, in denen Frauen am stärksten wirtschaftlich benachteiligt sind. Da kann mir noch so ein überpolitisch beseelter Mann erzählen dass dem nicht so sei. Nur weil eine bürokratische Gleichheit auf dem Papier besteht, ist diese noch längst nicht in den Köpfen aller Menschen angekommen. Nicht nur in den männlichen. Ich habe solche Gespräche ebenfalls mit Frauen geführt, denen doch die eigene Gleichstellung am Herzen liegen sollte. Aber dem ist nicht so. Die Angst davor, als “Emanze” bezeichnet zu werden, mit den oben genannten Eigenschaften assoziiert zu werden ist zu groß. Zu groß um die verschlossenen Augen zu öffnen und sie auf die Missstände dieser Gesellschaft zu richten.

Betrachtet man das Wort “Feminismus” einmal sprachwissenschaftlich, bedeutet es nämlich nichts von diesen ach so tollen Klischees:

Fe·mi·nịs·mus
Substantiv [der]
  1. eine Ideologie und gesellschaftliche Bewegung, die die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen und eine Veränderung der gesellschaftlichen Rollen von Frauen anstrebt. (Google Wörterbuch; Feminismus)

 

Ich für meine Person, lese darin weder von Männerhass, Hysterie oder Lesben. Darum geht es nämlich in keinster Weise. Nur weil dein Kumpel dir einen Link zu einem Video von einer völlig überzogenen Darstellung einer angeblichen Feministin geschickt hat, kannst du nicht wirklich glauben dass Feminismus das bedeutet. Es geht nämlich um die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau, um eine Rollenveränderung. Und damit ist keine Gleichstellung durch Herabsetzung des Mannes gemeint, ich glaube das müssen einige Köpfe endlich mal verstehen. Ich bin diese Lacher und betroffenen Gesichter leid, ich bin es leid in einer Autowerbung 10 nackte Frauen betrachten zu müssen, weil das “den Umsatz steigert”, ich bin es leid darauf hingewiesen zu werden dass man einen BH Träger sieht, ich bin es leid mit dem Gedanken erwachsen zu werden in einer Welt, die faktisch einfach nicht die gleichen Möglichkeiten für mich bereit hält als für meine Mitschüler. Darum geht es. Vor allem aber: Was kann es besseres, löblicheres oder sympathischeres geben, als sich mit diesen Zielen zu identifizieren und sich “FeministInn” zu nennen? Woher kommt diese Missgunst mit einer so nötigen und sinnvollen Absicht? Ich habe keine Antwort darauf.

FeministInn zu sein bedeutet nicht, einen Hass gegen Männer zu hegen, sondern das Feuer der Gleichberechtigung in sich brennen zu haben.

 

Jeder kann Feminist sein. Der Feminismus ist keine Frauenbewegung, es ist eine Sichtweise und Einstellung, die endlich nicht mehr nur von einer Minderheit vertreten werden sollte. Denn vor uns allen liegt noch ein langer Weg. In Medien, Wirtschaft und Politik muss noch einiges verändert werden, doch nicht nur dort. Feminismus beginnt im Kopf, in den Köpfen die endlich die Augen nicht mehr vor Missständen verschließen oder diese leugnen und sich öffentlich dazu bekennen, dass jetzt, genau jetzt etwas dagegen unternommen werden muss. Von uns allen.

 

Für alle Interessierten mehr zum Thema:

  • http://www.zeit.de/campus/2008/02/feminismus-haaf
  • https://www.unicum.de/de/studentenleben/zuendstoff/feminismus-das-musst-du-wissen
  • http://www.amazedmag.de/50-gruende-weshalb-wir-ueber-feminismus-sprechen-muessen/

 

  1. Das Titelbild finde ich etwas sehr unglücklich gewählt, aber vielleicht ist es ja auch Absicht und soll die Notwendigkeit von Feminismus verdeutlichen?

    Ansonsten ein schöner Text. Immer wieder gut auf Blogs zu stoßen, die sich offen zu Feminismus äußern und dazu stehen, wenn sie Feministinnen sind.
    LG Lexa

    1. Liebe Lexa! Du hast Recht, das Titelbild ist bewusst danach ausgewählt, dass es auf die unnötige und zu starke Sexualisierung und Erotisierung des weiblichen Körpers aufmerksam macht. Denn was ist eigentlich zu sehen? Brüste. Ganz stinknormale, bedeckte Brüste, die jede Frau an sich trägt und es in so vielen verschiedenen Ausprägungen gibt. Es sollte nichts verwerfliches daran geben, diese im Internet zu zeigen, denn sie sind doch nur Brüste und niemand in der Welt sollte das Recht haben, diese oder ihre Trägerin zu objektisieren. Das war die Thematik auf die ich aufmerksam machen wollte.
      Es freut mich dass dir mein Text gefällt, auch deine Formulierung zeigt, wie sehr wir Feminismus wirklich brauchen. Feminist zu sein sollte selbstverständlich sein und nichts wofür man sich schämen sollte! Danke für deinen Kommentar, der Denkanstoß hat mich sehr gefreut!
      Alles Liebe, Jana

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